Erste Haltestation Freiburg
"Zug 76": Bedeutende ukrainische Schriftsteller zu Gast im Alten Wiehrebahnhof
Von Victoria Balon
Mehrere der renommiertesten und interessantesten ukrainischen Autoren werden am nächsten Wochenende in Freiburg zu Gast sein. "Potyah 76 - Zug 76" heißt die Veranstaltungsreihe, die die ukrainische Literatur auf Deutschland-Tournee schickt. Und weil das Literaturbüro Freiburg Veranstalter ist, lautet der erste Halt Freiburg, Alter Wiehrebahnhof.
Der "Zug 76" verkehrt jeden Tag zwischen der ukrainischen Stadt Chemowitz und der polnischen Grenzstadt Psemysl. Er fährt heutzutage nur einen kleinen Teil der Strecke, die früher die Ostseeküste mit dem Schwarzen Meer verband. "Potyah 76" ist auch ein Internetportal für die ukrainische und osteuropäische Literatur, eine mitteleuropäische Zeitschrift, die verschiedene Persönlichkeiten aus dem Raum zwischen Estland und Albanien verbinden soll. Hinter dem Portal steht die Idee, so etwas wie eine "alternative Karte von Europa", eine neue kulturelle Gemeinschaft zu schaffen.
Den selben Namen haben Stefanie Stegmann, Leiterin des Literaturbüros Freiburg, und Kateryna Ststsevch, Kulturmanagerin der Robert Bosch Stiftung aus Czernowitz, der von ihnen initiierten "Sechs-Städte-Tournee" gegeben. Vom 23. bis zum 30. September werden die wichtigsten ukrainischen Autoren ihre Werke in Freiburg, Stuttgart, Leipzig, Bon, Greifswald und in Berlin vorstellen. Das Projekt wird vom Literaturbüro Freiburg veranstaltet und von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.
"Dieses Internetportal existiert bis jetzt nur auf ukrainisch und hat dadurch eingeschränkte Rezeptionsmöglichkeiten", erzählt Stefanie Stegmann. "Dies aufzubrechen, das Portal bekannt zu machen, dessen Autoren auf die Reise zu schicken und mit Verlagen und Journalisten in Verbindung zu bringen ist ein Beitrag zur Internationalisierung von Literatur."
Die Autoren, die im Mittelpunkt von "Zug 76" stehen, sind Schriftsteller, die auf Ukrainisch schreiben und entweder nach oder kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion angefangen haben zu schreiben. Sie haben während des politischen Wandels der Ukraine ihre Schriftstellertätigkeit entwickelt, sie sind mit allen Brüchen und Widersprüchen groß geworden und ihr Schreiben wurde davon beeinflusst, Gerade diese Autoren haben auch den Aufbruch nach Westen geschafft, viele wurden auch in Deutschland schon veröffentlicht. Einige Werke von jungen Autoren wurden für "Potyah 76 - Zug 76" exklusiv übersetzt.
Juri Andruchowytsch (46) ist der Mitbegründer des Portals "Potyah 76". Er war schon mehrfach in Freiburg, ist dieses mal aber nicht dabei. Andruchowytsch wurde 2006 mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung der Leipziger Buchmesse für seinen Roman "Zwölf Ringe" ausgezeichnet. Der Autor von vier Romanen, Essayist, Übersetzer, Gegenwartslyriker und Performance-Künstler ist ein radikaler Erneuerer der ukrainischen Literatur. Er setzt sich gern mit der modernen Realität und Geschichte von Galizien und Bukovina und ihrem reichen Kulturerbe (Paul Celan, Joseph Roth) auseinander. Seine Werke zeichnen sich durch symbolisch-dichterische Erzählungsweise, Humor und kluges Spiel mit Klischees aus.
Segej Zadan (32), ein Dichter der jungen Generation, ist zugleich Veranstalter von Subkulturfestivals und Dozent der Germanischen Philologie an der PH Charkiv. Er war im Winter 2004 der Kommandant des "orangenen" Zeltlagers in seiner Stadt. Seine Wut darüber, wie sich die Situation nach der orangenen Revolution entwickelt hat, hat er in seinen bissigen Gedichten ausgedrückt.
Die Auszüge aus Zadans letztem Werk "Anarchy in the Ukr" sind auf der Internetseite der Antiglobalisten zu finden. Sein Werk bewegt sich in der Tradition des Futurismus und Konstruktivismus bis zur amerikanischen Beat-Poetik.
Zu der jüngsten Generation gehören die am Samstagabend aus "Frauen ihrer Männer" lesende Sofia Andruchowytsch (24) und Ljubko Deresch (22), der seinen psychedelisch-grotesken Roman "Kult" in Freiburg bereits vorstellte. Nicht zufällig waren alle jungen ukrainischen Autoren während der orangenen Revolution in der Opposition aktiv. Wie sie heuter darüber reflektieren, wird man auf der Diskussion "Das orange Sofa - Argumenten müssen sitzen" erfahren.
Karneval und Ironie, Provokation und knackige Groteske, nie ein rührseliger Tonfall - all das ist die neue ukrainische Literatur. Es lohnt sich also durchaus in diesen Zug durch ein ideell Vereinigtes Europa einzusteigen und auf einer sehr interessanten Strecke mitzufahren.
Zug 76, Ukrainische Literatur auf Tournee, Samstag, 23. September, 20 Uhr, und Sonntag, 24. September, ab 11 Uhr, Literaturbüro Freiburg im Alten Wiehrebahnhof, Urachstraße 40. Mehr Information zum Projekt unter www.zug76.de 
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