Bis an die Grenze von seinem Verstand
Elisabeth Dunayevska

Das hinter den dunkelblauen Vorhängen verborgene Zimmer liegt ruhig in einem schummrigen Licht. Obwohl sorgfältig zugezogen, haben sich einige einzelne Sonnenstrahlen den Weg durch die Vorhänge gebahnt. Sie durchqueren den Raum und ermuntern viele winzigkleine Staubkörner zu einem unverfänglichen Tanz. Munter jagen sie einander, flitzen zwischen den bedachtsam platzierten Möbeln der penibel aufgeräumten Wohnung hin und her. Nicht der winzigste Luftstoß stört sie bei ihrem Spiel. Nur eine scheinbar achtlos dahingeworfene Masse kauert neben dem kleinen chinesischen Tisch unter dem Fenster.
Er sitzt mit dem Rücken zur Wand, jeder Muskel seines Körpers voller Spannung. Seine bloßen Füße stemmen sich gegen den Teppich. Er kann jeden Partikel, jede einzelne Faser auf seiner Fußsohle spüren. Die Finger krampfhaft zu einer Faust zusammengeballt, starrt er auf das glänzende, durchsichtige Glas in seiner Hand.
Seine Augen trocken. Seine Pupillen darauf fixiert. Seine Lider regen sich nicht. 
Der Puls rast. Er kann das Blut in seinen Adern spüren, es vibriert, drückt stärker als gewöhnlich auf die Gefäßwände.
Er spürt wie sich eine Schweißperle langsam den Weg durch sein Gesicht bahnt. Kalt rinnt sie die Schläfe hinunter, dann den Hals hinab, verschwindet sie in den Falten des makellos gebügelten Hemdes.
Er hört seinen schweren Atem, viel zu häufig, viel zu nah und doch viel zu weit weg.
Alles weit weg, außer dem kalten, durchsichtigen Glas.
Ohne Vertiefungen und Ausstülpungen. Nicht ein herausragender Partikel, an dem sich die Fingerkuppe verfängt, nichts, was man fühlen oder an dem man sich festhalten könnte.
Nichts zum Wiederfinden. Nur glatt!
Eine ebene zusammenhängende Fläche, an der die Fingerkuppe entlang gleiten kann, rundherum, rundherum, ohne den Anfang zu finden, weil nichts zum Festhalten, kein einziger herausstehender Partikel, den man wiederfindet, zu dem man zurückkehren könnte. Rundherum, unendlich. Kreisrund!
Durchlässig und doch reflektierend. Durchsichtig!
Durchsichtig, glatt, rund... perfekt!
Perfekt.
Unnachahmlich!
Seine Augen trocken. Seine Pupillen darauf fixiert. Seine Lider regen sich nicht.
Er spürt die Risse auf der trockenen Haut seiner Hand. Er weiß genau, dass sie trocken ist, aber nicht trocken genug! Immer noch fettig, zu fettig!
Er weiß was geschieht, wenn er das Glas abstellt!
Fingerabdruck. Ein hässlicher Fleck, riesig, voll Rillen auf dem Glas, das perfekt...
Nicht trocken genug, zu fettig.
Wenn er es doch abstellen könnte!
Der Armmuskel spannt noch mehr an, die Sehnen ziehen noch mehr...
Wenn er es doch abstellen könnte!
Der Puls rast. Er kann das Blut in seinen Adern spüren, es vibriert, drückt stärker als gewöhnlich auf die Gefäßwände. Er hört seinen schweren Atem, viel zu häufig, ganz nah... Nur abstellen! ...und dann wieder viel zu weit weg.
Durchsichtig, glatt, rund... perfekt!
Perfekt.
Unnachahmlich!
Er hört seine Freundin nicht kommen. Sie ist zu weit weg. Still läuft sie zu ihm herüber, legt die Broschüre der psychiatrischen Klinik auf den kleinen chinesischen Tisch, nimmt das Glas und stellt es weg.
Die Autorin ist vor einigen Jahren nach Deutschland gekommen und geht in die elfte Klasse des Freiburger Goethe-Gymnasiums. 
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