Die Erzählung ist weiblich
Finale des BZ-Erzählwettbewerbs "Grenzerfahrungen" in Lahr

Das war er also, der erste Erzählwettbewerb der Badischen Zeitung in Zusammenarbeit mit Rohnstock Biografien und der Volksbank Lahr. Mit 150 Einsendungen hatten die Organisatoren gerechnet, 350 Teilnehmer haben Texte und Tondokumente eingereicht. Zehn Erwachsene und fünf Jugendliche traten schließlich jetzt im Lahrer Pflugsaal zum Finale an, um von "Grenzerfahrungen" zu berichten. Und sich dem Urteil der Juroren zu stellen: Bettina Schulte, Literaturkritikerin der Badischen Zeitung, Stefanie Stegmann vom Freiburger Literaturbüro, Kai Kricheldorff von Rohnstock Biografien.
Gleich mehrere Ansichten teilen sich den Zuhörern mit, die trotz der Hitze viereinhalb Stunden lang ausharren. Erstens: Die Erzählung ist, zumindest in Baden, weiblich; nur ein Mann hat es in die Endrunde geschafft. Zweitens: Grenzerfahrungen finden auch im Dreiländereck im Kopf statt; mit der Grenze am Rhein beschäftigte sich außer Eva Lang-Booz´ charmanter Jugenderinnerung "Radiateur" kein Text. Vor allem aber: Die Kunst der Erzählung stirbt keineswegs aus. Sie blüht auf bemerkenswert hohem Niveau.
Ob es um Unfälle, Krankheit, Demenz oder einfach um das unspektakuläre Verdämmern im Altenheim geht: Die meisten Teilnehmer beschäftigen sich mit der Grenze zwischen Leben und Tod. Krankenhäuser und Pflegeheime stellen die häufigste Kulisse. Auffällig dabei die unspektakuläre, ruhige Genauigkeit, mit der die Autoren auf Pathos und Sensationen verzichten und das langsam Trennende einzufangen versuchen. Auch von den Grenzen zwischen Beziehungen wird erzählt, von Überschreitungen im Rausch mit Hilfe von Alkohol oder Musik, vom Wahn und nicht zuletzt vom Verlust von Grenzen dort, wo sie nötig wären.
Das Motto legt existenzielle Themen nahe. Und zwingt damit selbst schon zu einer Gratwanderung — je ambitionierter der Text, desto schwieriger wird es, die Grenze zum Kitsch zu halten. Erstaunlich, mit welcher Souveränität die Finalistentexte — auch die der Jugendlichen — diesen Balanceakt meistern. Die meisten ziehen sich auf kurze, karge Sätze zurück, auf Beobachtungen von irritierender Sachlichkeit, in denen sich Bedeutung und Stimmung dadurch mitteilen, dass etwas fehlt. Am konsequentesten führt dies Gudrun Ockels "Besitzerwechsel" vor, ein emotionslos betäubter Text über die letzten Aufräumarbeiten eines Paares nach der Trennung. Andere, wie der einzige männliche Autor W.A.R. Leudeck, begegnen der Sentimentfalle mit distanzierender Ironie. Ein Kunstgriff, durch den sich Leudeck eine ausgeprägte Erzählerstimme leisten kann — entsprechend publikumswirksam trägt er seinen prallen Text auch vor. Dass es am Ende nicht für einen Preis reicht, liegt wohl am unentschlossenen Wechsel zwischen Schwank und Stimmungsstück. Margret Bux´ (Owingen) groteske Maulwurf-Parabel vom Kontrollverlust eines Hobbygärtners ist konsequenter durchgestaltet und wird von der Jury mit dem dritten Platz belohnt, auch wenn am Schluss die Kraft zur Pointe nachlässt.
Die vorderen Ränge reservieren die Juroren Beiträgen, die sich ihren jeweiligen Grenzen ungeschützt nähern. Besonders gilt das für den zweiten Preis, den die Jury zu gleichen Teilen an Sarah Baumgart (Freiburg) und Pascal Antoinette Emrich (Freiburg) vergibt. Baumgarts "Gelber Vogel" beschreibt das versuchsweise Erwachen einer gelähmten jungen Frau, die sich aus ihrem Körper verabschiedet hat, "wie bei einer Prostituierten" . Ein Körper wie ein Gefängnis, der doch keine Grenze mehr verbürgt, der dauernd von anderen angefasst wird, ausgezogen, gewaschen, angezogen, untersucht: "Merrits Haut ist wie eine Landkarte." Die Jury lobt die poetische Sprache genauso wie die Behutsamkeit, mit der die Autorin ihr schwieriges Thema fasst. Auch die Geschichte "Danach" beeindruckt die Preisrichter mit ihrer Sensibilität; Emrich schildert die wehmütige Verlängerung einer Liebesgeschichte über den Tod hinaus, den Tagtraum einer alten Dame, souverän eingebettet in den Alltag eines Seniorenheimes. Die Siegerpalme geht an Lenka Fehrenbach für ihre Erzählung "Bittermandarinen" . Die Geschichte vom Ende einer Beziehung und dem alkoholisierten Beginn einer neuen unterm Riesenrad loben die Juroren für ihre große sprachliche Souveränität, die die Autorin mit beachtlichem erzählerischen Talent zu verbinden weiß. Fehrenbach gehört zu den Jüngsten der erwachsenen Teilnehmer; sie hat vor einem Jahr in Freiburg Abitur gemacht und will von Herbst an Geschichte studieren.
Bei den Jugendlichen setzt sich Elisabeth Dunayevska (Freiburg, 16 Jahre) mit der sehr fokussierten, knappen Innensicht eines Psychiatriepatienten durch, einer sorgfältig gearbeiteten Miniatur in eindringlich kreisender Wiederholung. Myriam Moser (Nimburg, 15 Jahre) kommt mit dem Protokoll eines unmerklich entgleisenden Familienausflugs auf den dritten, Ricarda Bertz (Schallstadt, 18 Jahre) mit ihrer symmetrisch konstruierten, zarten Abschiedsgeschichte "Goldene Herbstsonne" auf den zweiten Platz.
1000 Euro spendiert die Volksbank Lahr jeweils für den ersten Platz, 500 für den zweiten. Margret Bux gewinnt die Teilnahme an einem Seminar der Rohnstock Erzählakademie in Berlin, Myriam Moser ein BZ-E-Paper-Abonnement. Eine Auswahl der Texte bringt die BZ von August an im Kulturteil zum Abdruck, weitere werden im Internet unter www. badische-zeitung.de/erzaehlwettbewerb nachzulesen sein.
Jens Schmitz

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