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Badische Zeitung vom Mittwoch, 14. Juni 2006

Marie im unheiligen Land

 

Die Schriftstellerin Sabine Peters erzählt in ihrem Buch “Singsand” von einer Reise nach Israel



Sabine Peters(FOTO: VERLAG)

Als Deutscher oder Deutsche kann man in Israel nicht einfach Urlaub machen — wer, der schon einmal im Land gewesen ist, hätte das nicht am eigenen Leib gespürt? Ein unbefangener Umgang mit den Menschen ist nicht möglich, nicht, weil sie es einem schwer machten, mit ihnen in Kontakt zu kommen — ganz im Gegenteil; sondern weil man selbst das lastende Wissen um die Shoa — niemand benennt die Ermordung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg dort mit einem anderen Wort — nicht abstreifen kann. Ein Reden über die schwierige aktuelle Politik des Staates Israel wird man zu vermeiden suchen, weil eine Kritik am Umgang mit den Palästinensern allzu schnell falsch verstanden werden kann.

 

Die 1961 in Neuwied geborene Schriftstellerin Sabine Peters hat im vergangenen Frühjahr eine Reise nach Israel unternommen — im Rahmen eines vierwöchigen Autorenstipendiums am Center for German Studies der Universität Beer Sheva. Ihr Buch “Singsand. Zwischen Beer Sheva und Bethlehem” erzählt von diesem Aufenthalt. Es soll, davon kündet der Anfang mit einer poetischen Vergegenwärtigung von Mozarts Sonatenthema “Ah vous dirai-je Maman” , dezidiert ein poetischer Text sein. Ein fiktiver Text, der freilich schwer trägt am Gewicht der Realien, die, kaum verschlüsselt , in ihm zur Sprache drängen. Der Publizist Moshe Zuckermann taucht als Moshe Bibermann auf, der Israelkritiker Michael Warschawski als Michael Levy, der palästinensische Arzt und Schriftsteller Majed Nasser mutiert zu Majed Kashua.

 

Der Leser stolpert bald über die Frage, warum Sabine Peters keinen “schlichten” Reisebericht geschrieben hat, sondern das Bedürfnis verspürt hat, ihre Erfahrungen zu fiktionalisieren. Es wird einem nicht recht wohl dabei, einer Heldin mit dem poetischen Namen Marie zu folgen, die ein bisschen wie Alice im Wunderland durch ein Land streift, das so gar nichts von einem Märchen hat. Ein Land, das jenseits seiner faszinierenden Eigenschaft, Quelle der vielfältigsten, widersprüchlichen, ambivalenten Eindrücke zu sein, ständig zu Reflexionen über die eigene Position herausfordert. Peters´ Text kommt als eine Mischung aus höchst detaillierten, in ihren besten Momenten atmosphärisch dichten Beobachtungen und stellenweise doch ziemlich bemüht wirkenden Gesprächen über das heikle deutsch-jüdische und das kaum minder heikle israelisch-palästinensische Verhältnis daher.

 

Es ehrt Peters, dass sie allen Seiten gerecht werden will, alle zu Wort kommen lässt: Mascha und Zvi, die traumatisierten Shoa-Überlebenden, Amal, die palästensische Israelin, den Beduinen, auf den Marie bei einem durch Mauern und Zäune behinderten Streifzug in die Umgebung von Beer Sheva zufällig trifft — und dem das Buch eine seiner schönsten, sinnlichen Passagen verdankt. Selbstquälerische Selbstbefragungen können nicht ausbleiben: “Immer wenn es um Israel und die Juden geht, fangen die Deutschen von sich an zu reden. Wo bist du Marie?”

 

Ja — wo ist Marie? Wer ist Marie? Was will Marie in Israel? Vielleicht ist es gut, dass Sabine Peters´ Text darauf keine Antwort zu geben weiß. Dass er alle die Fragen zulässt, die einen deutschen Reisenden in Israel bedrängen können. Und doch will der naive Schau- und Zeigegestus seiner Heldin oft nicht recht passen zu dem, was “Singsand” doch zu erörtern versucht: die ganze Verfahrenheit der Situation im Nahen Osten. “Woran erkennt man einen Orthodoxen? Schwarz, weiß, Hut. Bart. Es ist einfach zu haben.” Ist es eben nicht.

Bettina Schulte

 

— Sabine Peters: Singsand. Zwischen Beer Sheva und Bethlehem. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 193 Seiten, 18 Euro.

— Die Autorin liest heute um 20 Uhr in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, Freiburg.

 


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