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Badische Zeitung vom Samstag, 27. Mai 2006

Flugenten statt Heuschrecken

 

Vom Scheitern einer Sozialutopie: Matthias Göritz´ Romandebüt “Der kurze Traum des Jakob Voss”

 

“Ich bin in dieses Land gekommen, um ein vollständig neues Gesellschaftssystem einzuführen.” Mit diesen Worten gründete der Frühsozialist Robert Owen 1825 die genossenschaftliche Siedlung “New Harmony” in Indiana (USA). Jakob Voss will es ihm gleich tun. Nachdem er als kleinstädtischer Bürgermeister mit allzu ambitionierten Plänen aus dem Amt gedrängt worden ist, kauft er auf dem Land zwischen Kiel und Hamburg einen alten Hof und wird Geflügelzüchter. Mit sozialreformerischem Anspruch: “Was wir hier aufbauen, ist für die Zukunft” , verspricht er seinen 40 Arbeitern. “Ich will, dass eure Kinder wissen: Ihre Eltern arbeiten in einem Betrieb, an dem sie Anteile haben, von dem ein kleines Stück ihnen gehört.”

Das Scheitern steht schon im Titel: Es ist ein kurzer Traum, den Jakob Voss träumt. Von der ersten Seite des Romans an lässt der 1969 geborene Matthias Göritz, bisher mit dem Gedichtband “Loops” (2001) hervorgetreten, keinen Zweifel daran. Immer wieder baut Göritz, der aus der Perspektive von Jakobs pubertierendem Sohn Nick erzählt, Menetekel in den Text ein. So findet die erste Weihnachtsfeier der Farm in der Schlachthalle statt. Nach einem Jahr ist Jakob Voss finanziell schwer angeschlagen, seine Arbeiter verlangen Bares statt immer höher dotierter Anteilscheine. Doch weder die innerbetriebliche Opposition noch Insolvenz führen zum Scheitern der Voss Geflügel GmbH, sondern die Vogelgrippe. Sämtliche Tiere, vornehmlich Flugenten der Güteklasse A, verenden kläglich.

 

Ein politischer Anspruch, der selten ist in der jungen deutschen Literatur

 

Das in einem einzigen Tag zusammengedrängte Romangeschehen, um Rückblenden erweitert, ist in die 1980er-Jahre zurückverlegt, die aufgeworfene Frage nach unternehmerischer Sozialverantwortung ist indes eine gegenwärtige. Man denke nur an die Heuschrecken-Debatte. In der jungen, auf die eigene Befindlichkeit bedachten deutschsprachigen Literatur ist ein solch dezidiert politischer Anspruch selten zu finden. Allerdings entzieht sich der Text aufgrund des offenen Endes einer abschließenden Deutung. Die Beurteilung von Jakobs Sozialutopie überantwortet Göritz dem Leser: Wäre sein Unternehmen auch ohne die Vogelgrippe gescheitert?

 

Göritz legt eine Fährte: Jakob Voss, gesellschaftlicher Emporkömmling aus einer Flüchtlingsfamilie, macht sich nicht nur der Vernachlässigung seiner Frau und seines Sohnes schuldig, sondern auch der fortschrittsoptimistischen Geschichtsvergessenheit. Schon Owen scheiterte nach zwei Jahren. “Wer seine Vergangenheit nicht kennt, ist verloren” , scheint Jakob Voss sich selbst zu warnen. Göritz setzt Mensch und Tier gleich: “Sein Hals war entblößt. Zum Schlachten bereit” , heißt es einmal, als Nick den Nacken auf eine Sofalehne bettet. Der detailliert beschriebene Schlachtvorgang, bei dem die Enten als “Tiermaterial” vergast werden, nimmt sich die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Vorbild. Als “Scheiß-Vogel-Treblinka” bezeichnen Anwohner die Farm.

Nick scheint aus den Fehlern des Vaters zu lernen. Seine Entwicklung bildet den zweiten Handlungsstrang. Am Ende kehrt er der Farm den Rücken zu. Im Scheitern des Vaters erkennt er als Zeichen des Erwachsenwerdens die eigene Vergänglichkeit. Und ist damit weiter, als Jakob Voss es je gewesen ist.

Nico Daniel Schlösser

 

— Matthias Göritz: Der kurze Traum des Jakob Voss. Berlin Verlag, Berlin 2005. 214 Seiten, 16 Euro.

— Der Autor liest am morgigen Sonntag, 11 Uhr, im Kommunalen Kino Freiburg.

 


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