Der Fußball als schöne Kunst betrachtet
Helmut Böttiger macht sich Gedanken über die Deutschen und ihren Lieblingssport 
Der Untertitel von Helmut Böttigers Buch weckt falsche Erwartungen. “Die Deutschen und ihr Lieblingssport” — eher könnte es heißen: Helmut Böttiger und sein Lieblingssport. Denn was der Autor, im Hauptberuf Literaturkritiker, hier in mehreren Aufsätzen ausbreitet, sind zum guten Teil Erinnerungen und Reflexionen eines, man darf das wohl sagen, leidenschaftlichen Fußballfans. Worum geht es? Nicht zuletzt um den SC Freiburg, den Böttiger, der in Freiburg studiert hat, mit besonderer Sympathie verfolgt. Mit ihm darf man sich noch einmal an das “Wunder von Freiburg” erinnern, das gar nicht so lange zurückliegt, von vielen Undankbaren aber schnöde vergessen wurde. “Die Geschichte von Volker Finke und dem SC Freiburg ist wie ein Märchen,” schreibt Böttiger. Da könnte man einwenden: Es war einmal
Doch Böttigers schöner Text kann deutlich machen, wie sehr das Konzept des Trainers und die Freiburger Politik zusammenpassen. Das Zauberwort heißt “Nachhaltigkeit” : Wie das ökologische Bewusstsein in dieser Stadt, so die Haltung ihres Fußballlehrers, der dafür gesorgt hat, dass der SC als einer der ersten Bundesligaclubs eine Fußballschule bekam. Und wenn — in letzter Zeit mit verstärktem Echo — wieder einmal der mangelnde Kampfgeist der Spieler beklagt wird, ein “Führungsspieler” so vermisst wird wie der Wille zum Sieg, gerät ins Hintertreffen, worin die “Schönheit” (Böttiger) des Freiburger Spiels auch gründet: in seiner nervösen Unberechenbarkeit, die stets ein Tanz am Abgrund sein kann.
Helmut Böttiger gehört zu den nicht eben raren Schreibern, die den Fußball nicht allein den Experten, den “Gurus und Ex-Gurus” (Rudi Völler) überlassen wollen. Und das ist gut so. Mögen auch alle Versuche, Fußball und Philosophie, Fußball und Politik (“Anmerkungen zur deutschen Ideologie” ), Fußball und Literatur (“Lebensübertragung” ) zusammenzudenken, sich im Spekulativen verlieren: Manche schönen Früchte sind den Anstrengungen der Kulturkritik doch zu verdanken. Fußball ist mehr als der Kampf von 22 Helden auf dem Platz und lässt sich nicht auf Weisheiten wie “Der Ball ist rund” oder “Das Spiel dauert 90 Minuten” reduzieren. Sehr gelungen ist das mitfühlende Porträt des Fußballreporters Günther Koch — mitfühlend auch deshalb, weil beide wenigstens eine Zeit lang mit demselben Verein verbunden waren: dem FC Nürnberg. Kochs Reportagen aus dem Frankenstadion sind legendär wegen ihrer radikalen Subjektivität — und dieses Moment von Subjektivität zieht auch an Böttigers Texten an, wenn sie ihren Schwerpunkt auch anderswo haben: der Konstruktion eines Zusammenhangs zwischen der politischen und fußballerischen Entwicklung der Bundesrepublik.
Wahr bleibt, dass der Fußball als Kunst in Deutschland “sträflich vernachlässigt” worden ist. Die deutschen Fußballtugenden sind anderswo verortet. Kampf, Disziplin, sich Durchbeißen, über sich Hinauswachsen. Man kennt das. Klar, dass der SC Freiburg aus diesem Raster fällt und Kunstkenner wie Helmut Böttiger ihre Liebes- und Leidensfähigkeit hier ausleben können. Klar auch, dass eine solche Einstellung kaum mehrheitsfähig ist. So mag in Böttigers kritischer Sicht auf den Lieblingssport der Deutschen die Haltung eines Melancholikers mitschwingen, der weiß, dass er auf verlorenem Posten steht. Das eben macht den Unterschied zwischen Literatur und Fußball aus — in Peter Esterhazys wunderbarer Formulierung: “Die Literatur hat die Möglichkeit, mit dem Verlieren zu gewinnen.” Im Fußball geht das nicht.
Bettina Schulte
— Helmut Böttiger: Schlußball. Die Deutschen und ihr Lieblingssport. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006, 183 Seiten, 7,50 Euro.
— Der Autor liest am 20. Mai um 20 Uhr im Alten Wiehrebahnhof Freiburg.

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