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Badische Zeitung vom Montag, 24. April 2006

Fortschritt und Stagnation

 

Wie es nach der orangen Revolution in der Ukraine weitergeht



Orangene Fahnen wurden in Kiew zu Hoffnungssymbolen. (FOTO: AFP)

Geradezu avantgardistisch mutete der Veranstaltungstitel “Über die Halbwertzeit von Orangen” an, wäre da nicht die entscheidende Zusatzinformation “Ukraine” gewesen. Denn es ist die Farbe Orange, die sofort diese beeindruckenden und bewegenden Bilder vom Winter 2004 in Erinnerung bringt, als eine riesige Oppositionsbewegung wochenlang friedlich, unbeugsam und erfolgreich für Demokratie und Meinungsfreiheit kämpfte. Wie es bezüglich Politik und Kultur aktuell in diesem Land aussieht, konnte nun ein zahlreich im Freiburger Alten Wiehrebahnhof erschienenes Publikum aus erster Hand erfahren. Denn eingeladen hatte das Kulturamt Freiburg in Kooperation mit dem Literatur Forum Südwest e. V. und dem Hans-Thoma-Museum Bernau den ukrainischen Übersetzer, Publizisten und Literaturwissenschaftler Jurko Prochasko aus der Freiburger Partnerstadt Lviv/Lemberg. Moderiert wurde der Abend von dessen langjährigem Freund, Ukraine-Kenner und Freiburger Ex-Liedermacher Walter Mossmann.

 

So sitzen ein ernster, junger Mann mit sanften Augen und ein weißmähniger, gemütlicher Barde an einem Holztisch voller Orangen und diskutieren über Fortschritt und Stagnation mehr als ein Jahr nach der orangen Revolution. Einfach macht es Prochasko seinen Zuhörern allerdings nicht, beleuchtet er doch als intellektueller Analytiker ausgesprochen differenziert die Hintergründe ganz unterschiedlicher Symptome und Entwicklungen in einem Land, das dabei ist, sich selbst zu erfinden. Ob Stromverkäufe, Verlagswesen, Oligarchen-Herrschaft, regionale Demokratisierung, Sprachidentität oder Parteienlandschaft, die postsowjetische Realität der Ukraine ist eine vielschichtige, geprägt von unterschiedlichsten nationalen Identitäten, Sprachen und Visionen.

 

“Naivität und Enttäuschung” , diagnostiziert Prochasko seinen Landsleuten. So hat zwar die ukrainische Literatur spätestens seit der diesjährigen Verleihung des “Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung” für Juri Andruchowytsch den europäischen Durchbruch geschafft, doch die angestrebte Mitgliedschaft in der EU steht in weiter Ferne, das internationale Interesse ist längst wieder erlahmt. Durch den Beitritt Polens an die Außengrenze Europas gerückt, ist die Ukraine in Westeuropa und den USA noch immer weitgehend unbekannt. “Wir sind Selbstversorger — in jedem Sinne” , so Prochasko, “und wir müssen aushalten, dass die Ukraine noch immer eine offene Frage ist” . Gut, wenn man da interessierte Freunde im Ausland hat.

Marion Klötzer

 


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