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Badische Zeitung vom Samstag, 1. April 2006

Ein Satz kann einen Kanton verschlingen

 

Erkundung der Schweiz auf Wortwegen: Zsuzsanna Gahses Miniaturen “Instabile Texte zu zweit”

 



Zsuzsanna Gahse (FOTO: BZ)

“Morgen gibt es ein Fest, alle eingesperrten Wörter dürfen wieder vortreten, hier haben viele längst gewusst, dass es gut ausgehen würde” : Zuzsanna Gahse befreit die Wörter aus der babylonischen Gefangenschaft zweckrationaler Kommunikation, und meistens geht es gut aus. Vielleicht, weil die Ungarin 1956 ihr Vaterland, aber nicht ihre Muttersprache verließ und als Übersetzerin zwischen allen Sprachräumen lebt und schreibt: “Es ist eine der schönsten europäischen Taten” , heißt es in ihrem neuen Buch, “dass viel übersetzt wird, trotz all der Missverständnisse, die daraus entstehen” .

 

Gahse erkundet in ihrem Werk die Zerbrechlichkeit und Unbestimmtheit der Wörter, die Sprachspiele, Paradoxa, komischen und tragischen Missverständnisse, die sich in den Falten Alteuropas abgelagert haben. Beckett und Gombrowicz, Gertrude Stein und Nathalie Saurraute sind ihre Hausgötter; das lineare Erzählen ist ihre Sache nicht. Wörter haben eine zu lange Geschichte und zu viel poetischen Eigensinn, um sie in Schubladen und Begriffskäfige einsperren zu können. “Die Alpen sind ihrer Form nach ein Kipferl” , beginnen Gahses “Instabile Texte” , “innerhalb der Kipferlform zeichnet sich eine klare Semmelform ab, das ist die Schweiz, und die Schweiz ist Europa. (Kipferl ist ein Wort, das nicht überall bekannt ist, Gipfeli auch nicht, nichts ist in Europa überall bekannt.)”

 

Nicht zufällig lebt Gahse heute in der Schweiz, dem Modellfall europäischer Integration: Das “dialektische Auseinandersprechen” auf engstem Raum ist auch ihr poetisches Programm. In ihrem letzten Buch “durch und durch” hat sie ihren Wohnort Müllheim im Thurgau vermessen; jetzt übersetzt sie Landschaften und Leute der Schweiz in Prosaminiaturen, lyrische Bilder und “Gegengeschichten” . Mit dem Postauto oder der Gondelbahn geht es in die Berge, zu Fuß der Aare entlang, mit dem Flugzeug in die Luft. In ihren Reiseimpressionen ist die “Transmigrantin” in ihrer Wahlheimat angekommen. Nur die Wörter sind ihr immer noch “in einem überaus guten Sinne fremd” und darum will sie nicht “jedes Ding mit etwas Bekanntem vergleichen” . Péter Esterházy, ihr Freund und Landsmann, bemerkte kürzlich in seiner Laudatio zur Verleihung des Adalbert-von-Chamisso-Preises: “Sie plantscht nie in der Sprache herum, sie bewahrt sich die Freiheit und Disziplin einer Daraufsicht von außen.” Wie fast alle ungarischen Erzählerinnen deutscher Zunge — Agota Kristof, Terezia Mora, Zsuzsa Bank, Christina Viragh — wolle auch Ghase “bekannte Gegenstände auf unbekannte Weise ansehen” .

 

Das sind in diesem Falle: der Weg von Muri nach Mellingen, die steilen Straßen von Lausanne, Orts- und Namenskunde des Aargau, rätoromanische Lieder, kurz: Echoräume des Schweizerischen. “Die Sprache hängt von der Landschaft ab” : Schon die Brechung des Lichts kann die Wahrnehmung verändern, ein Satz einen ganzen Kanton verschlingen. Gahse spricht mit “gespaltener Zunge” ; sie erfindet Wörter wie “meinungsheller Morgen” oder “hervorlieben” und dreht alte so lange im Mund, bis sie in neuem, gebrochenen Licht strahlen.

 

Dass ihr “Knäuel” von Gedanken und Assoziationen unentwirrbar bleibt, dass sie auf ihren Berg- und “Augenwanderungen” ab und zu ins Ungefähre oder in banale Kalauer abstürzt, verschlägt nichts: “So viel gibt die Sprache nicht her, dass jemand etwas Genaueres sagen könnte” . Warum Gahses Texte instabil sind, erschließt sich auf Anhieb: Stimmungen sind naturgemäß flüchtig, graziöse Wörter fragil. Pierre, der Begleiter ihrer sentimentalen Reise zu zweit, bleibt so ungreifbar wie Joe, der melancholische Pinguin. Gahses “Liebesgeschichte” gilt keinem Mann, sondern der alten polyglotten Tante Europa. Für die Romantiker war alles Schreiben Übersetzung; für Zsuzsanna Gahse ist “praktisch jede Person übersetzt” .

Martin Halter

 

— Zsuzsanna Gahse: Instabile Texte zu zweit. Edition Korrespondenzen, Wien 2005. 142 Seiten, 18,50 Euro. Die Autorin liest am 2. April um 11 Uhr im Alten Wiehrebahnhof Freiburg.

 


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