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Badische Zeitung vom 18. März 2006

 

DAS GRAUEN UND DIE ZUVERSICHT

 

Der Roman “Der nächtliche Rat” des Bosniers Dzevad Karahasan / Lesung in Freiburg

 



“Die Welt ist wie eine Pflaume, wie eine schöne reife Pflaume” — mit diesem Satz beginnt und endet Dzevad Karahasans Roman “Der nächtliche Rat” . Nichts wäre falscher, als aus dieser Wiederholung zu schließen, dass er von zuversichtlich stimmenden Dingen in bukolischer Umgebung erzählt. Und doch ist “zuversichtlich” genau die Stimmung, in der man dieses Buch schließt. Es ist aber eine Zuversicht, wie sie von jenen Märchen ausgeht, die Grausamkeiten erzählen und trotzdem den Eindruck vermitteln, dass das Leben als Ganzes unverwüstlich ist. Eine Zuversicht, die sich eher aus südlich-orientalischer Mentalität speist — ein Teil von Karahasans bosnischem Erbe. Der Sohn eines überzeugten Kommunisten und einer gläubigen Muslima hat die Zerstörung dieses Erbes bei der Zerstörung Sarajewos erlebt. Sein Roman ist auch als Vorgeschichte dieser Zerstörung zu lesen. Im Sommer 1991 kommt der Arzt Simon Mihailovic nach einem Vierteljahrhundert in Berlin zurück in seine Heimatstadt Foca. Er ist strahlend vor Vorfreude — und vollkommen naiv. Er trifft auf eine Gesellschaft in Auflösung, die schnell groteske Züge annimmt. Vier Menschen kommen ums Leben, mit denen er früher in Verbindung stand, alle Angehörige unterschiedlicher Volksgruppen und Religionen. Simons ehemaliger Sportlehrer, jetzt Polizeichef, nimmt ihn ins Verhör. Was folgt, zeigt Karahasan als würdigen Erben einer Erzähltradition, die von Kafka zu den mitteleuropäischen Meistern des Absurden führt. Gefangen in albtraumhafter Lähmung, dann wieder ungerührt durch die Stadt streifend, gerät Simon in Kreise, in denen die Lust am Leiden, der Hass auf westliche Weicheier und Pornostars, die Verachtung der Vernunft gepredigt werden. Nur zaghaft formiert sich Widerstand — die Säuberer, die Patrioten nehmen das Heft in die Hand, die meisten von ihnen sind Serben. In einem politischen oder ideologischen Sinn ergreift Simon keine Partei. Schicksalhaft wird für ihn das Haus seiner Eltern. Es lebt, seine Spiegel verweigern Simon das Spiegelbild, die Türen versperren ihm den Weg. Erst sein alter Schulfreund Enver, ein Sufi-Mönch, enthüllt ihm das Rätsel. Die Leichen im Keller, Generationen früherer Hausbesitzer, gemordet im religiösen und nationalistischen Wahnsinn vergangener Jahrhunderte, haben sich versammelt im Vorgefühl einer neuen Katastrophe — Vergil und Dante lassen grüßen . Sie verlangen von Simon Erlösung. Doch er kann sie nicht geben. Spannend ist es zu verfolgen, wie Karahasan den Spalt, der seine Erzählung zu Beginn vom Realismus trennt, zu einem mystischen Abgrund verbreitert — ohne dass die schreckliche Wirklichkeit aus dem Blick geriete. Und es verschlägt einem den Atem, wenn er die Schlächtereien schildert. Aber das eigentliche Wunder an diesem Roman bleibt die heilig-närrische Heiterkeit, die mit all der blutigen Düsternis kontrastiert — ein Einverstandensein mit dem Dasein, das westlichem Erzählen völlig fremd ist.Vor allem aber: In dieser Zeit, da Gegensätze wie “Wir und die” das Denken vergiften, hält einer wie Karahasan das Gegengift parat: ein Muslim, der bei den Franziskanern Latein lernte, in Kroatien studierte und über Platon ebenso Bescheid weiß wie über den Sufismus und die Kultur der bosnischen Juden. Mehr davon, bitte!

 

Ruth Fühner

 

Dzevad Karahasan: Der nächtliche Rat. Roman. Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Insel-Verlag, Frankfurt 2006. 334 Seiten. 19,80 Euro. — Der Autor liest am 19. März um 11 Uhr im Freiburger Kommunalen Kino. Es wird außerdem Emir Kusturicas Film “Das Leben ist ein Wunder” gezeigt.


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