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Badische Zeitung vom Samstag, 18. März 2006

Preise der Leipziger Messe

Ehrung für Autor Ilja Trojanow

 

Warum er denn so ein grimmiges Gesicht mache, fragte Moderator Martin Lüdke den österreichischen Essayisten Franz Schuh, als dieser den “Preis der Leipziger Buchmesse” in der Kategorie “Sachbuch und Essayistik” entgegennahm. Mit dem ihm eigenen ironischen Esprit konterte Schuh, er leide an einem negativen Narzissmus, der nun wieder akut ausbreche.

 

Die ganz große Begeisterung wie am Eröffnungsabend, als Jury Andruchowitsch im Gewandhaus das Publikum zu Standing ovations hinriss, wollte während der gesamten Zeremonie in der Leipziger Glashalle nicht aufkommen. An der Arbeit der Jury lag das wohl nicht. Immerhin hatte sie einen schönen Coup gelandet, als sie in der Kategorie “Übersetzung” nicht die Übersetzer-Legende Peter Urban auszeichnete, sondern, wie bereits gemeldet, die Freiburgerin Ragni Maria Gschwend, die den Roman “Aufbrüche” von Antonio Moresco ins Deutsche gebracht hat.

 

Im Vorfeld der Preisverleihung hatte es indes einige prekäre Vorentscheidungen gegeben. Ein für die Auswahl mitverantwortliches Jury-Mitglied widmete dem in der Kategorie “Belletristik” nominierten Roman “Kaiserstraße” von Judith Kuckart einen herben Verriss. Elogen waren im Vorfeld nur Ilja Trojanows historischem Bildungsroman “Der Weltensammler” und Clemens Meyers Debüt “Als wir träumten” zuteil geworden. Meyer hat mit seinem Debüt einen leidenschaftlichen Adoleszenz-Roman geschrieben, der den Aufstieg und Niedergang einer Leipziger Jugendbande und ihren Weg in die Selbstzerstörung darstellt. Ilja Trojanows Roman über den britischen Entdeckungsreisenden, Orientalisten und Spion Richard Francis Burton, eine inspirierte Annäherung an eine schillernde Gestalt des 19. Jahrhunderts, hatte die Jury letztlich überzeugt.

 

Trojanow reagierte mit nonchalantem Dank an seinen Verlag. Ob beabsichtigt oder nicht: Diese Entscheidung ist auch ein subtiler Kommentar zum derzeit wieder auflodernden Diskurs vom “clash of civilizations” . Im Jahr 2003 reiste Ilja Trojanow zu den “heiligen Quellen des Islam” , um unter Hunderttausenden von Pilgern an der “Hadsch” teilzunehmen, dem wichtigsten Glaubensritual, das der Islam kennt. Dieses Erweckungserlebnis führte ihn zur Konversion zum Islam. Das Wort “Islam” kam bei der Preiszeremonie nicht vor. Tatsächlich geht es ja nicht um religiöse Bekenntnisse, sondern um die Qualität von Romanen. Seltsam aber: Trojanows Buch “Zu den heiligen Quellen des Islam” über seine Pilgerfahrt nach Mekka und Medina wird in den biografischen Angaben zum Preisträger nicht einmal erwähnt.

 

Michael Braun

 

 

 


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