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Badische Zeitung vom Donnerstag, 16. März 2006

Tondokumente der Nürnberger Prozesse

 

BZ-INTERVIEW: Ulrich Lampens “Die NS-Führung im Verhör” heute in der Freiburger HörBar

 



Fahndete nach Original-Aufnahmen: SWR-Autor Ulrich Lampen(FOTO: SWR)

Heute Abend bietet die “HörBar” im Kommunalen Kino Freiburg einen Auszug aus der achtteiligen SWR-Reihe “Die NS-Führung im Verhör” , die mit Mitschnitten aus den Nürnberger Prozessen von 1945 Einblicke in die Strukturen des Nazi-Regimes gab. “Gehorsam: Macht im Militär” , heißt die Hördokumentation, in der es um Wilhelm Keitel geht, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Mit dem Regisseur und Autor Ulrich Lampen sprach Nicole Welz.

 

BZ: Herr Lampen, Sie haben in Ihrer Sendereihe historisch einmalige akustische Dokumente aus den Nürnberger Prozessen verwandt. Wie haben Sie daraus Ihre Hörfassung hergestellt?

Ulrich Lampen: Es ist keine Hörfassung. Ich verstehe es vielmehr als eine Reihe, die aus acht thematisch sortierten Sendungen besteht. Hier kommen die Täter und nicht die Opfer in Echtzeit zu Wort. Also keine Verdichtung aus Montage. Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema fiel mir auf, dass im Deutschen Rundfunkarchiv relativ wenig O-Ton-Material vorhanden ist. In den National Archives in Washington findet man das meiste. Es war für mich verblüffend, dass man das Material nicht zurückgeholt hatte. Die Tondokumente der amerikanischen “record group 238” waren noch nie publiziert worden. Geschichtswissenschaftler hatten das Material schon vor Jahren ausgewertet, aber gehört hatten es die wenigsten.

BZ: Wie haben Sie die Tondokumente gefunden?

Lampen: Es gibt zwei Stellen, an denen Dokumente vorhanden sind: das Bundesarchiv in Koblenz und das Staatsarchiv in Nürnberg. Der nächste Schritt war es zu sichten, was noch als O-Ton vorhanden war. Wir stellten fest, alles. Aber nicht alles war qualitativ hochwertig. Elisabeth Hartjens, Rechercheurin der National Archives in Washington, die ich vor vier Jahren, als meine Recherche begann, kennen lernte, spürte für uns das Gewünschte auf und schickte es uns zu. Wir überprüften im nächsten Schritt die Übereinstimmung der Dokumente mit den Mitschnitten. Zuletzt wurde eine Engführung auf die thematischen Blöcke durchgeführt. Das Verblüffendste war immer wieder, im Dabeisein die Lüge zu entlarven.

BZ: Für den Hörer haben diese alten Aufnahmen etwas Gruseliges und Brutales. Empfinden Sie das auch so oder ist es eher als zeittypisches Sprechen zu werten?

Lampen: Brutalität kann ich nicht erkennen. Der Sachverhalt ist nicht harmlos. Die Anklage, das Ringen um Konkretion, der Versuch einer präzisen Sprache mag brutal anmuten. Die Gewalt ist weniger an der Sprache festzumachen. Es ist eher die Art und Weise des Ausweichens der Angeklagten.

BZ: Wo sehen Sie die Leistung dieses Hördokuments im Gegensatz zu anderen Dokumentationen?

Lampen: In der Echtzeit. Jeder dieser Täter kommt, wenn möglich, 45 Minuten zu Wort. Lediglich Dinge wie zum Beispiel das Ende eines Verhörtags oder Ähnliches unterbrechen. Die Frage, die Pause, die Lüge, die Antwort, die nächste Frage, das macht es aus.

BZ: Also die Authentizität?

Lampen: Ja, genau die Authentizität.

 

— HörBar im Kommunalen Kino Freiburg, heute, 20 Uhr. Als Experten sind der Militärhistoriker Peter Steinbach und der SWR-Redakteur Hans-Burkhard Schlichting anwesend, die beide an der Sendung mitgewirkt haben.


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