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Badische Zeitung vom Samstag, 21. Januar 2006

Gretchen mit Schnaps und Minirock

Freiburger Uni klärt Irrtümer in deutschen Literaturklassikern



"Kurz angebunden" heißt nicht knapp geschürzt: der Sprachforscher Dominik Brückner(FOTO: PRIVAT)

Schon Goethe hat sich über Missverständnisse zu seinem “Faust” lustig gemacht: So war in Übersetzungen aus Gretchens Ruf nach einem Riechfläschchen ein Flehen um die Schnapsflasche geworden. Heute, mehr als 200 Jahre später, ist der Text zwar noch grob zu verstehen, in seinen Nuancen aber gar nicht mehr zu erfassen. Da ist sich Sprachforscher Dominik Brückner sicher: Fünf bis zehn Worte pro Textseite haben heute eine andere Bedeutung als zur Entstehungszeit.

 

Er und seine Kollegen vom Projekt “Klassikerwortschatz” am Deutschen Seminar der Uni Freiburg sind angetreten, Licht in das sprachliche Klassikerdunkel zu bringen: Sie erstellen ein Nachschlagewerk, das die ursprünglichen Wortbedeutungen aufzeigt. Beim zweiten Vortrag der Reihe “Sprechen über Sprache” , die das Freiburger Literaturbüro veranstaltet, stellte Brückner die Arbeit des Projektes anhand von Goethes “Faust” vor.

 

Auch zu Goethes Zeit war das Drama sprachlich nicht einfach zu verstehen: Goethe benutzt eine altertümliche Sprache, um dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Fauststoff auch sprachlich gerecht zu werden. Außerdem spielt er bewusst mit sprachlichen Mehrdeutigkeiten: “Mein schönes Fräulein” , sagt Faust, um mit Gretchen anzubändeln. Diese Floskel greift Gretchen - absichtlich - falsch auf: Mit Hinweis auf die ältere Bedeutung des “Fräuleins” als Bezeichnung für eine ledige Adlige lässt sie Faust gekonnt auflaufen: “Bin weder Fräulein, weder schön.” So gut, so einfach. Schließlich weist der Text hier selbst auf die verschiedenen Bedeutungen hin.

 

Schwieriger wird es bei der darauf folgenden Schwärmerei Fausts für das schöne Mädchen. Warum findet er es zum “Entzücken” , dass sie so “schnippisch” und “kurz angebunden” zu ihm war? Ein französischer Übersetzer aus Goethes Zeit erklärte sich das offenbar mit ihren knappen Kleidern und machte aus dem kurz angebundenen ein “kurz aufgeschürztes” Gretchen.

 

Aufschlussreicher für die Szene ist das zeitgenössische Lexikon von Johann Christian Adelung: Schnippisch bedeute “schnell und keck im Reden” , heißt es da. Ähnlich ist es mit “kurz angebunden” : Während die meisten Lexika die Wendung von einem kurz angebundenen - und daher aggressiven - Tier herleiten, zeigt das Wort “anbinden” laut Brückner den richtigen Weg: Das kam nämlich aus der Fechtsprache und stand dafür, die Waffen zu kreuzen. Faust freut sich also darüber, dass Gretchen kein naives Dummchen ist, sondern es schlagfertig und rasch mit ihm aufgenommen hat. Missverständnisse allerorten. Wer wähnt, dass Faust im heutigen Sinne entzückt war, ist gleichfalls auf dem Holzweg: Tatsächlich steht das Wort hier für Ekstase, bis hin zum religiösen Erlebnis, erläutert Brückner. Und so nimmt er “Faust” - anhand eines Abschnitts - Stück für Stück auseinander, um ihn mit neuer Bedeutung wieder zusammenzusetzen.

 

Katharina Meyer

 

- Am Dienstag, 21. Februar, spricht Ulrich Knoop um 20 Uhr im alten Wiehrebahnhof anhand von Hölderlins Gedicht “Hälfte des Lebens” über Sprache.

 

 


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