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Badische Zeitung vom Freitag, 22. Juli 2005


Die Literatur wachgeküsst

Martin Gülich und Kai Weyand geben das Literaturbüro ab

 

Als sie vor fünf Jahren im Doppelpack das Freiburger Literaturbüro übernahmen, wurde die Anlaufstelle für Autoren als Quantité négligeable gehandelt - die finanzielle Ausstattung der Zweidrittelstelle ist bis zum heutigen Tag entsprechend bescheiden. Davon ließen sich Martin Gülich und Kai Weyand, beide im Hauptberuf Schriftsteller, nicht abschrecken. Sie gingen ihre Aufgabe mit so viel Elan an, dass es nicht übertrieben erscheint, wenn man heute feststellt: Diese beiden haben der Literatur in der Stadt zu dem Stellenwert verholfen, der ihr gebührt.

 

Denn nicht nur leben und arbeiten hier Übersetzer und Übersetzerinnen von internationalem Rang. Auch die Zahl von Autoren, die sich in den vergangenen Jahren bundesweit vernehmbar gemacht haben, hat erstaunlich zugenommen. Am 1. August hören Gülich und Weyand auf - nicht zuletzt deshalb, weil sich die Stadt ihrem Wunsch nach einer komfortableren Finanzierung des Literaturbüros verweigert hat.

 

Seiner Nachfolgerin Stefanie Stegmann hinterlässt das vom Verein Literatur Forum Südwest angestellte Duo ein Haus, wie es besser nicht bestellt sein könnte. Vernetzung heißt das Stichwort. Und: Verankerung. Wer kaum eigene Pfunde hat, mit denen er wuchern kann, tut gut daran, Kooperationspartner zu suchen. Gülich und Weyand haben sie gefunden. Im Kulturamt zum Beispiel, das die Literaturtage ausrichtet. Erstmals hat das Literaturbüro im vergangenen Jahr zwei Zusatzveranstaltungen zu dem traditionellen dreitägigen Autorentreffen angeboten: eine Podiumsdiskussion und einen Workshop.

 

Als Glücksfall hat sich der Umzug ins Kommunale Kino erwiesen. Seit zwei Jahren "residieren" Gülich und Weyand unterm Dach des Alten Wiehrebahnhofs, der seitdem "Haus für Film und Literatur" heißt. Nicht nur das gemeinsame Monatsprogramm zeugt von einer unspektakulär gelingenden Zusammenarbeit. Es hat auch schon eine Reihe von Veranstaltungen gegeben, die die ästhetische Verbindung zwischen Buch und Kino gesucht haben - ein Autobiografie-Projekt etwa oder eine Reihe zu dem Dichter Friedrich Hölderlin. Neuerdings ist noch ein weiteres Medium im Bunde: In der vom SWR unterstützten Reihe “ HörBar” stellen Literatur Forum und Koki avancierte Hörkunst vor.

 

"Wir werden inzwischen ganz anders wahrgenommen", sagt Martin Gülich. "Wir wollen die Literatur ins Gespräch bringen", ergänzt Kai Weyand. Ganz konkret ist das zum Beispiel in der Diskussionsrunde "Vier um acht" gelungen, einer (streitbaren) Unterhaltung über Bücher in Anlehnung an das “ Literarische Quartett” . Bemerkbar macht sich das Engagement der beiden - die sich hervorragend ergänzen und gegenseitig befeuert haben - auch in handfesten Zahlen. Die Lesungen des Forums, die als Pflichtübung in regionaler Autorenpflege früher unter "ferner liefen" rangierten, ziehen im Durchschnitt 50 Zuhörer an. Über diesen Zuspruch wären manche Buchhandlungen froh. Und wenn ein Autor wie Wilhelm Genazino liest, der letztjährige Büchnerpreisträger, reicht der Zuschauerraum des Kommunalen Kinos bei weitem nicht aus, um das Publikum aufzunehmen.

 

Längst ist das Literaturbüro über eine Interessenvertretung hiesiger Autoren (und solcher, die es werden möchten) hinausgewachsen. Dem Forum kann inzwischen jeder beitreten, dem die Literatur am Herzen liegt. Die Öffnung des Vereins ließ die Zahl seiner Mitglieder um mehr als das Doppelte steigen. Der Schreibwerkstatt für Jugendliche, die es seit zehn Jahren gibt, haben Gülich und Weyand mit einem Schreibwettbewerb ein Glanzlicht aufgesetzt. Im Herbst findet er zum dritten Mal statt. 2004 waren weit über 100 Einsendungen zu verzeichnen.

Das Literaturbüro Freiburg in den vergangenen fünf Jahren: eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, dass man für nachhaltige Arbeit nicht allein Geld braucht. Ihre schier unerschöpflichen Ideen waren das Kapital von Martin Gülich und Kai Weyand. Irgendwann allerdings sind die schönsten ideellen Ressourcen ausgezehrt, wenn ihnen das ökonomische Polster fehlt. Nachdem ihr Antrag, den Etat des Literaturbüros um 12 000 Euro aufzustocken, abgelehnt worden war, zogen Gülich und Weyand die Bremse. Sie werden ihr Glück als freie Schriftsteller suchen. Die Zeichen stehen günstig: Beide sind mit ihren im Herbst erscheinenden Büchern in renommierten Verlagen untergekommen: bei Schöffling und Wallstein. Martin Gülich hat zudem eben ein dreimonatiges Stipendium als Stadtschreiber von Rottweil erhalten.

Bettina Schulte


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